Wir sehen hin – Du bist nicht allein
Zwei Schritte nach vorne, ein Schritt zurück.
Ein Beitrag von Lyn Luca Berlin
Tag ein, Tag aus. Ein Tag fühlt sich gut an, am nächsten geht es wieder bergab. Ärzt*innen zeigen Verständnis und manchmal bleibt trotzdem das Gefühl, nicht gesehen zu werden. Das Gefühl, dass eine Erkrankung oder die eigene Identität erklärt und verteidigt werden muss oder gar übersehen wird. Dass medizinische Versorgung, die eigentlich selbstverständlich sein sollte, plötzlich zu einer Hürde wird.
„Warum wissen meine Ärzt*innen über diese Krankheit nicht genug? Wird überhaupt gerade daran international geforscht?“, ein Patient mit Schlafapnoe. „Warum ist mein Menstruationszyklus anders als der von anderen?“, fragt sich eine nichtbinäre Person.
„Warum nehmen mich Ärzt*innen nicht ernst, wenn ich ihnen sage, ich sei an Endometriose erkrankt?“, eine Frau jungen Alters mit Endometriose. „Ich habe Schmerzen im Herz, linken Arm und unteren Rücken – aber ist das nun typisch für einen Herzinfarkt oder an welchen Symptomen muss ich mich orientieren?“, fragt sich ein Transmann.
„Wird dieses Blutdruckmedikament mir wirklich helfen können, wenn es fast ausschließlich an Männern getestet wurde?“, denkt sich eine ältere Dame, nachdem sie mit Bluthochdruck diagnostiziert wurde.
Und die Frage bleibt: Verändert sich denn wirklich etwas? Mit diesem Gefühl sind viele nicht allein. Es ist einem nicht immer bewusst, wie vielen Menschen es ähnlich ergeht – ganz unabhängig davon, welche Erkrankung man hat oder wer man als Mensch genau ist. Das ist gar nicht das Entscheidende. Viel wichtiger ist: Diese Erfahrungen und Gefühle verbinden uns.
Manchmal reicht ein „Ich kann dich verstehen“ trotzdem nicht aus. Es bleiben Fragen offen. Viele Fragen. Warum tickt der eigene Körper anders, als er sollte? Ist das normal, was mein Körper macht oder vielleicht doch ungewöhnlich? Woher lässt sich wissen, was richtig und was falsch ist? Insbesondere queere Menschen treffen medial auf heteronormative Erwartungen, Idealvorstellungen und ein binäres System, das vermittelt: „Du bist anders und passt hier nicht rein.“
Dieses binäre System ist bereits seit Langem umstritten und zeigt viele Lücken auf. Im Wandel der letzten Jahrzehnte wird immer deutlicher, wie wenig erforscht nicht nur weibliche Körper, sondern auch queere Menschen und ihre gesundheitlichen Bedürfnisse sind. Genau hier möchten wir ansetzen und, wie viele andere auf dieser Welt auch, dabei helfen, Licht ins Dunkel zu bringen. Auch wenn der Fortschritt langsam erscheint, lohnt es sich einen wissenschaftlich fungierten Beitrag zu leisten und engagiert zu bleiben.
Mit GenDiMedNet wird bereits vieles bewegt. Wir forschen, vernetzen uns und arbeiten daran, den medizinischen Gender Gap nicht nur zu verringern, sondern auch medial sichtbar zu machen. Viele Menschen haben bereits von dieser Wissenslücke gehört und werden regelmäßig darüber informiert, jedoch ist die Relevanz dieser Wissenslücke noch nicht für alle Menschen ersichtlich. Genau daran möchten wir anknüpfen. Hier werden zukünftig regelmäßig aktuelle Beiträge für Communities veröffentlicht und insbesondere ein Raum geschaffen für Content aus Communities. Erfahrungen, Fragen, Perspektiven und Themen, die sonst vielleicht keinen Platz finden. Communities, die Menschen mit ihrer Erkrankung verbindet und Communities, die Menschen und ihre sexuelle Orientierung als auch geschlechtliche Identität sichtbar machen. Denn unsere Gesellschaft setzt sich aus zahlreichen Communities zusammen, die gemeinsam für ihre Rechte kämpfen und auf ihre Hürden und Problematiken aufmerksam machen.
Veränderung passiert nicht von heute auf morgen. Manchmal bedeutet Fortschritt einen Schritt nach vorne und zwei Schritte zurück. Aber jeder Schritt kann dazu beitragen, dass aus einer Wissenslücke irgendwann Wissen wird. Aus Unsicherheit Orientierung. Und aus dem Gefühl, allein zu sein, ein gemeinsames Miteinander. Für ein engagiertes Miteinander statt Gegeneinander.

